Theorie und Geschichte
Lehrveranstaltungen Bachelor

Architekturgeschichtliche Übungen
SCHICHTEN, SCHWELLEN, SCHADSTOFFE:
Materielle Bedingungen in der Architektur
Dozentin: Dr. Gabrielle Schaad
Termin: Donnerstag, 11:30-13:00 Uhr
Beginn: 24.04.2025
Ort: Bibliothek, Gabelsbergerstr 49, IV. Stock
Material ist nicht neutral – es strukturiert soziale, wirtschaftliche und kulturelle Ordnungen. Es bestimmt, wer sichtbar bleibt, wer Risiken ausgesetzt ist und wessen Komfort gesichert wird. Dieses Seminar untersucht, wie technische, wirtschaftliche und soziale Faktoren gemeinsam Materialentscheidungen beeinflussen. Materialwahl in der Architektur ist nie nur eine Frage von Ästhetik oder Bedeutung. Zugleich sind Bauökonomie, Statik und Produktionsbedingungen prägende Faktoren. Dabei schlagen sich allerdings soziale Kategorien wie Klasse, Geschlecht und Migration (Race) im Bau nieder.
Kosteneffizienz im Bau war stets Motor für Innovation, aber auch für soziale Selektion. Von der Ästhetik des Sparens im Neuen Bauen über Materialreduktion im Brutalismus bis hin zu heutigen ökologischen Baustoffen – wirtschaftliche Bedingungen prägen architektonische Form, Materialwahl und sozialen Zugang. Während kostengünstige Konstruktionen oft als Vision für eine gerechtere Gesellschaft galten, zeigt sich, dass wirtschaftliche Effizienz oft soziale Kosten hat: Welche Baumaterialien sind erschwinglich? Für wen wird gespart und auf wessen Kosten wird gebaut?
Pierre Bourdieu zeigte, dass Architektur soziale Unterschiede nicht nur abbildet, sondern aktiv verstärkt: Wer welche Räume nutzt und wie sie gestaltet sind, folgt bestehenden Hierarchien. Denise Scott Brown untersuchte u.a., wie Materialien und Oberflächen soziale Zugehörigkeit markieren. Zugleich haben Architekt:innen Strategien entwickelt, um soziale Ungleichheiten durch Materialwahl und Bauweise zu hinterfragen.
Mit Fokus auf München seit 1900 untersuchen wir in Fallstudien, anhand von Stadtbegehungen, materialsemiotischen Untersuchungen und historisch-theoretischer Reflexion: Repräsentation und Hierarchie: Wie markieren Baumaterialien Zugehörigkeit oder Ausschluss? Arbeit und Unsichtbarkeit: Wer stellt Baumaterialien und Bauten her, unter welchen Produktionsbedingungen? Wohnmodelle und Zugänglichkeit: Welche Bauformen erleichtern oder verhindern sozialen Zugang? Wer profitiert von ressourcenschonendem Bauen, und wer lebt in gesundheitsschädlichen Gebäuden?
Anhand von Beispielen wie Wanderarbeiter:innenunterkünften, genossenschaftlichem Wohnbau, sozialstaatlichen Siedlungen und ökologisch exklusiven Holzbauten analysieren wir, wann Material soziale Hierarchien festigt – und wann es neue Zugänge eröffnet.
Kunstgeschichte
UNTER PALMEN AM STRAND.
Architektur und Tourismus
Dozent: Prof. Dietrich Erben
Wann: Mittwoch 13.15-14:45 Uhr
Beginn: 23.04.2025
Ort: Bibliothek, Gabelsbergerstr. 49, IV. Stock
In der Ära der Globalisierung haben die Bewegungsströme von Menschen in riesigem Umfang zugenommen. Der unfreiwilligen, durch Armut und andere soziale Missstände erzwungenen Mobilität steht die freiwillige, durch Wohlstand ermöglichte Mobilität des Tourismus gegenüber. Der moderne Massentourismus setzt erst nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Während sich nun der Erholungsurlaub als Geschäftszweig der Freizeitindustrie etabliert, werden für den Reisenden Landschaft und regionale Kultur zu Waren des Konsums. Es versteht sich von selbst, dass Architektur im Rahmen einer touristischen Infrastruktur unverzichtbar ist.
Das Seminar fragt nach den dafür relevanten Bauaufgaben und nach deren speziellen Funktionen und Erscheinungsformen vom späten 19. Jahrhunderts bis zu den Massenquartieren der Sommer- und Winterresorts in der Gegenwart. Dabei kann Architektur nicht nur als eine notwendige Rahmenbedingung des Tourismus verstanden werden, sondern sie ist stets darauf ausgerichtet, durch ihre bauliche Inszenierung die Erwartungen des Reisenden zu befriedigen. Damit geht es einmal mehr um die Mitteilungsfähigkeit von Architektur jenseits unmittelbarer praktischer Zweckerfüllung.
Kunstgeschichte
GELERNTE GESELLSCHAFT
Studentisches Wohnen seit 1945
Dozent: Dr. Achim Reese
Termin: Freitag, 10:15-11:45 Uhr
Beginn: 25.04.2025
Ort: Bibliothek, Gabelsbergerstr 49, IV. Stock
Der gesellschaftliche Umbruch, der auf das Ende des Zweiten Weltkriegs folgte, hatte auch für die Universitäten in beiden deutschen Staaten weitreichende Folgen. Bestrebungen der Westalliierten, die universitäre Selbstverwaltung in der Bundesrepublik wiederherzustellen, gelangten nicht zuletzt im studentischen Wohnen zum Ausdruck. Die Wohnheimsiedlungen und Studentendörfer, die vielfach mit US-amerikanischer Unterstützung entstanden, brachten die akademischen Gemeinwesen dabei nicht allein zur Darstellung: Vielmehr zeugt deren Architektur auch von einem Anspruch, das demokratische Zusammenleben mit gestalterischen Mitteln zu fördern.
Abermalige Veränderungen des
westdeutschen Bildungswesens sind für die Sechzigerjahre festzustellen. Die aufkommenden Massenuniversitäten sollten noch weiteren Teilen der Gesellschaft ein Studium ermöglichen. Auf die studentischen Proteste, die sich gegen die Obrigkeiten wie auch eine wohlfahrtsstaatliche Ordnung richteten, folgte das Bemühen um alternative Wohnformen. Indem sich an die Liberalisierung der Universitäten eine Ökonomisierung anschloss, scheint sich vermehrt eine Auffassung des studentischen Wohnens als Ware durchzusetzen.
Im Spiegel des studentischen Wohnens soll auch die jüngste Geschichte der Universität betrachtet werden. In einer ersten Annäherung an die Situation in der damaligen Bundesrepublik, die über die Betrachtung von Quellenmaterial erfolgt, werden auch die Entwicklungen in der DDR und anderen Staaten Berücksichtigung finden; weiterhin sind Besuche in verschiedenen Münchner Wohnheimen geplant. Schließlich sollen die Kursteilnehmer:innen eigene Perspektiven auf das Thema entwickeln, indem sie sich dem studentischen Wohnen mit fotografischen Mitteln nähern. Bestimmend ist dabei die Frage, welche Erwartungen an das Wohnen wie auch an die Universität gestellt werden – nicht nur in architektonischer Hinsicht.

Bildquelle: https://www.telfair.org/article/five-facts-about-still-life-art/ (Zugriff 19. März 2025)
Image rights: the artist and Susan Inglett Gallery, NYC
Kunstgeschichte
STILLLEBEN ALS KRITISCHE STATEMENTS?
Zur politischen Bedeutung von Alltagsobjekten in der Kunst
Dozentin: Dr. Sarah Hegenbart
Termin: Freitag, 10:15-11:45 Uhr
Beginn: 25.04.2025
Ort: Bibliothek, Gabelsbergerstr 49, IV. Stock
Kann ein gemaltes Blumenarrangement politisch sein? Die Überzeugung, dass ein Stillleben höchstens einen begrenzten politischen Beitrag leisten kann, drückt sich bereits in der klassischen Taxonomie der malerischen Bildgattungen aus, laut der die malerische Gattung des Stilllebens auf der „niedrigsten“ Stufe in der Gattungshierarchie angesiedelt wurde. In den letzten Jahren wurde dem Stillleben jedoch sowohl in Ausstellungen als auch in kunstwissenschaftlichen Forschungsarbeiten zunehmend eine philosophische und politische Sprengkraft zugeschrieben. Während Hanneke Grootenboer beispielsweise in The Pensive Image (2020) das philosophische und epistemische Potenzial von Stillleben herausarbeitete, näherte sich die von Monique Long kuratierte Ausstellung Elegies: Still Lifes in Contemporary Art (2022) Stillleben als eine Form von kritischen Statements in der Kunst der Schwarzen Diaspora an. Daran anknüpfend beschäftigen wir uns in diesem Seminar mit der Frage, ob und wie Stillleben als kritische Statements operieren können. Dies erfordert eine analytische Auseinandersetzung mit der politischen Bedeutung von Alltagsobjekten in der Kunst. Um Bildbeschreibungen auch vor Originalen zu üben, sind einige Ausstellungsbesuche innerhalb Münchens angedacht. Dementsprechend findet das Seminar vierzehntägig von 10-13h statt. Eine Teilnahme an der ersten Sitzung am 25. April (sowie die Bereitschaft zur Übernahme eines Referats bzw. das Verfassen eines Audioguides) ist obligatorisch. In der ersten Sitzung werden auch die nachfolgenden Termine bekannt gegeben sowie die Referatsthemen verteilt.
Kunstgeschichte
GANZ SCHÖN MÄCHTIG
Über das Klassische in der Architektur
Dozent: Dr. Achim Reese
Termin: Mittwoch, 13:15-14:45 Uhr
Beginn: 23.04.2025
Ort: Bibliothek, Gabelsbergerstr 49, IV. Stock
Unmittelbar nach seiner Amtseinführung im Januar diesen Jahres unterzeichnete der US-amerikanische Präsident einen Erlass mit dem Titel Promoting Beautiful Federal Civic Architecture. Wenn Bundesbauten künftig wieder einem „classical architectural heritage“ Rechnung tragen sollen, dürfte dabei (einer ähnlichen Anordnung aus Trumps erster Regierungszeit entsprechend) der Rückgriff auf antike Architekturformen und ihre frühneuzeitlichen Interpretationen gemeint sein. Geht der Republikaner somit einerseits auf Distanz zu den kulturellen Präferenzen einer von ihm vielfach gescholtenen ‚Elite‘, schreibt er andererseits eine Architektur vor, die in der Vergangenheit nicht nur in Demokratien der baulichen Formulierung eines Machtanspruchs diente.
In dem Bestreben, eine solche Maßnahme historisch einzuordnen, widmet sich das Seminar der ‚Klassik‘, dem ‚Klassizismus‘ und dem ‚Klassischen‘ in der Architektur. Liegt das Hauptaugenmerk dabei auf der Architekturgeschichte vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart, werden eine ‚Wiederentdeckung‘ des Altertums und die Suche nach republikanischen Ausdrucksformen ebenso Gegenstand der Lehrveranstaltung sein wie die Inanspruchnahme historischer Vorbilder durch totalitäre Regime.
Wenn der Kurs somit ein Bewusstsein für die gesellschaftliche Bedeutung der Architektur wecken soll, liegt ein weiterer Schwerpunkt auf der genauen Betrachtung und Beschreibung von Bauten und Entwürfen. Auch die Lektüre und Diskussion architekturhistorischer wie -theoretischer Texte wird Inhalt der Veranstaltung sein. Um den Teilnehmenden den Einstieg in das wissenschaftliche Arbeiten zu ermöglichen, soll im Laufe des Semesters eine Seminararbeit vorbereitet werden, die die wesentliche Prüfungsleistung darstellen wird.